Walter Höllerer (1922–2003)
„Provinz oder ein Ostbayerisches Gedicht“
Das auf dem Plakat wiedergegebene Zitat entstammt dem Gedicht „Provinz oder Ostbayerisches Gedicht“ von Walter Höllerer. Dieses bekannte Gedicht beginnt mit den Zeilen „Provinz ist nicht gut. Provinz ist nicht schlecht. Provinz ist eine Möglichkeit“ und endet mit den Versen „Provinz ist das, was du Daraus machst“ 1). In seiner berühmten „Weidener Rede“, die er zum 40-jährigen Jubiläum des Verlags „Der neue Tag“ am 3. Mai 1986 gehalten hat, ist Walter Höllerer ganz bewusst auf die „Provinz“ eingegangen, auf die Provinz, aus der der Schriftsteller kam und die er als Begriff immer positiv verstanden wissen wollte und zu der er bemerkte, dass hier „die Ansätze zu einer neuen – in diesem Fall deutschen Literatur zu finden“ 2) seien. 3) „Provinz“ kann also sowohl auf das Leben als auch auf das literarische Wirken Dr. Walter Höllerers bezogen werden.
Schulzeit und universitäre Laufbahn
Denn Walter Höllerer hat nie die Verbindung zu seiner Oberpfälzer Heimat verloren. Geboren 1922 in Sulzbach-Rosenberg besuchte er von 1934 bis 1941 das Humanistische Gymnasium in Amberg, das heutige Erasmus-Gymnasium. 1941 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Nach Ende des Krieges 1945 begann er ein Studium der Fächer Philosophie, Geschichte und Germanistik in Erlangen, Göttingen und Heidelberg und promovierte 1949 in Erlangen mit einer Schrift über Gottfried Keller. 1958 habilitierte sich Walter Höllerer in Frankfurt mit einer Arbeit, die die Zeit eines Umbruchs beleuchtet: „Zwischen Klassik und Moderne. Lachen und Weinen in der Dichtung einer Übergangszeit.“ Im gleichen Jahr erhielt er den Ruf an den Lehrstuhl „Deutsche Literaturwissenschaft“ der Technischen Universität in Berlin. 1959 rief er dort die Veranstaltungsreihe „Literatur im technischen Zeitalter“ ins Leben und Anfang der sechziger Jahre gründete er das „Institut für Sprache im technischen Zeitalter“. In den Jahre 1960, 1972 und 1988 übernahm er Gastprofessuren in den USA. 4)
Autor und Literaturvermittler
Neben seiner universitären Tätigkeit als Literaturwissenschaftler entwickelte Walter Höllerer eine bemerkenswert produktive Arbeit als Schriftsteller und als Herausgeber der renommierten Literaturzeitschriften „Akzente“ und „Sprache im technischen Zeitalter“ – beide Zeitschriften werden bis heute aufgelegt. Bedeutende eigene Werke erschienen 1952 mit dem Gedichtband „Der andere Gast“ und 1973 mit dem Roman „Die Elephantenuhr“. Gleichzeitig gewann er Ende der fünfziger Jahre breite öffentliche Aufmerksamkeit, da er sich als Förderer, geistiger Anreger und Mentor mit besonderem Engagement für die Verbreitung anspruchsvoller Literatur einsetzte. Angesichts seiner vielfältigen Aktivitäten für die Literatur charakterisierte Ludwig Harig Walter Höllerer mit dem Satz „Der Mann, der Igel und Hase zugleich ist“. 5) Wilfried Ihrig erklärt diesen Ausspruch so: „Als Hase ist er ständig in Bewegung, als Igel ist er immer schon woanders.“ 6)
Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch Walter Höllerers Engagement in der „Gruppe 47“. Hier prägte er, zunächst als Lyriker und Romancier, später als Kritiker, das literarische Leben seiner Zeit entscheidend mit. 1963 begründete Walter Höllerer im geteilten Berlin das Literarische Colloquium Berlin, ein Forum, in dem Autoren, Lektoren und Wissenschaftler zu Lesungen und Diskussionen zusammentrafen. 1966/67 rief er in Berlin eine vielbeachtete und vom Fernsehen übertragene Lesereihe „Ein Gedicht und sein Autor“ ins Leben, zu der er 21 Autoren aus elf Staaten eingeladen hatte. 7)
Gründer des Literaturarchivs in Sulzbach-Rosenberg
Nachdem ihm 1974 der Kulturpreis seiner Heimatstadt Sulzbach-Rosenberg verliehen worden war, nahm die Idee der Gründung eines Literaturarchivs Gestalt an, was schließlich im November 1977 im ehemaligen Amtsgericht von Sulzbach-Rosenberg realisiert werden konnte. Das Literaturarchiv ist bis heute eine zentrale kulturelle Institution in der Oberpfalz und darüber hinaus. 8)
Als er im Jahr 1987 für zwei Tage einen Abstecher in seine Oberpfälzer Heimat machte, besuchte er auch sein altes Gymnasium in Amberg, das heutige Erasmus-Gymnasium. Hier lernte er Latein und Griechisch. Dabei stellte er fest, dass sich nicht viel verändert und er nur gute Erinnerungen an seine Schulzeit habe. 9)
Am 20. Mai 2003 starb Walter Höllerer nach langer, schwerer Krankheit in Berlin - ein „Weltreisender“ 10) in Sachen moderner deutscher Literatur und ein „Weltbürger, der immer in der Heimat verwurzelt geblieben ist“ 11) -.
Quellen:
- Höllerer, Walter, „Provinz oder Ostbayerisches Gedicht“, zitiert nach: https://www.oberpfalz.de/walter-hoellerer-gruender-des-literaturarchivs-sulzbach-rosenberg/
- Zitiert nach dem Artikel v. F., Walter Höllerer: Botschafter der deutschen Sprache in der Welt, in: Amberger Zeitung, Nr. 48 vom 27.02.1987
- Voit. Stefan, „„Der Staub ist weggeblasen ins Nichts“, Schreiben, Reflektieren, Sammeln: Stationen im Leben Walter Höllerers“, in: Amberger Zeitung, Nr. 117 vom 22.05.2003
- Dr. Baumann-Eisenack, Barbara, Walter Höllerer: Stationen seines Lebens, in: Walter Höllerer, Zu seinen Gedichten und seiner Lyrik-Anthologie Transit, Briefe und Texte Bd. 1, Sulzbach-Rosenberg 2002, S. 8 - 11)
- Ihrig, Wilfried, Walter Höllerer, in: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KlG), S. 2.
- Ihrig, Wilfried, Walter Höllerer, in: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KlG), S. 2.
- Dr. Baumann-Eisenack, Barbara, Walter Höllerer: Stationen seines Lebens, in: Walter Höllerer, Zu seinen Gedichten und seiner Lyrik-Anthologie Transit, Briefe und Texte Bd. 1, Sulzbach-Rosenberg 2002, S. 10 - 11)
Voit. Stefan, „Der Staub ist weggeblasen ins Nichts“, Schreiben, Reflektieren, Sammeln: Stationen im Leben Walter Höllerers, in: Amberger Zeitung, Nr. 117 vom 22.05.2003 - Setzwein, Bernhard, Schätze aus den Tiefen des Archivs, in: Amberger Zeitung, Nr. 3 vom 04./05.01.2003
- F., „Walter Höllerer: Botschafter der deutschen Sprache in der Welt“, in: Amberger Zeitung, Nr. 48 vom 27.02.1987
- F., „Walter Höllerer: Botschafter der deutschen Sprache in der Welt“, in: Amberger Zeitung, Nr. 48 vom 27.02.1987
- Grill, Harald, in: Bink, Martin, Heimatverbunden, Weltbürger und Förderer, Weggefährten und Kollegen zum Tod des Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers, in: Amberger Zeitung, Nr. 117 vom 22.05.2003